HGGS 2016 Review

Holy Grail Guitar Show 2016 – ein persönlicher Rückblick

Liebe G.A.S.-Gemeinde,

nachdem die Musikmesse in diesem Jahr wohl der Megaflop war und wir uns da nicht gesehen haben drängte sich die Reise nach Berlin zur Holy Grail Guitar Show förmlich auf. Diese fand zum nunmehr 3. Mal statt, wie immer im Estrel in der Sonnenallee.

Nach Anreise am Freitag mit ausgiebigem Gear-Testing bei Ulf Kaiser und lecker Abendessen im Block House ging es am Samstagmorgen frisch ausgeruht zum Estrel. Das wohl relativ feudale Hotel passt irgendwie nicht in die eher gewerbegebietsmäßig anmutende Gegend an dieser Stelle der Sonnenallee, bietet aber mit seinem lichtdurchfluteten Convention Center einen tollen Rahmen für die Show. Gut 130 Aussteller aus aller Welt hatten sich eingefunden um ihre Kreationen einem interessierten Fachpublikum zu präsentieren. Denn im Gegensatz zur Musikmesse ist klar: wer hier hinkommt ist Gitarrist, Bassist oder Sammler mit zu viel Geld. Keine DJs, keine Blechbläser, und vor allem keine Drummer…

Grundsätzlich ist anzumerken dass es von klassisch bis völlig abgefahren so einiges zu sehen gab. Wobei die meisten Klampfer ja doch eher Reaktionäre sind – ich zähle mich da auch dazu, insofern sind meine Favoriten auch nicht zuuu modern. Zudem lag mein Schwerpunkt auf E-Gitarren, weil ich von Acoustics keinen wirklichen Dunst habe und mit die eine (hervorragend gute) Cuntz CWG23 vollkommen reicht.

Aber der Reihe nach!

Das Ticket kostete im Vorverkauf übrigens angemessene 15 Euro, die man beim Verlassen durch Mitnahme diverser kostenloser Gitarrenmagazine (GrandGtrs, Guitar, G&B, internationale Presse) sowie des Reverb.com Beutels mit einem Clip-on Tuner und sonstiger Goodies dicke wieder raushatte. Aber das nur am Rande.

Gleich der erste Stand war von der abgefahrenen Sorte: Malonoski Guitars aus den USA – spezielle Formen, abgedreht Materialien (Ich sag nur „Trinkhorn“) und den hohlgefrästen Korpus einfach mal mit Stofftieren ausgestopft. Praxiswert vermutlich nahe Null, aber Optik: 10 Punkte.

Gleiche Tischreihe, ernsthaftere Ausrichtung: Helliver Guitars. Spätestens seit seiner Gibbons-Gitarre ist der sympathische und erstaunlich junge Oliver Baron sowas wie der Shooting Star am deutschen Gitarrenbauer-Himmel. Und die „Firebug“ ist ein Instrument mit herausragendem Handling und cooler Optik. Bei einem Grundpreis von 3.500 € auf jeden Fall eine mentale Notiz wert! http://www.helliver.de/

Gegenüber: Hilko Guitars aus Belgien. Von klassisch bis sehr eigen waren hier mehrere Modelle zu sehen. Ich habe lange mit seinem Verkaufsleiter gesprochen, der Einstieg war das höchst witzig gestaltete Overdrive-Pedal mit dem Konterfei des Chefs Hilko Nackaerts. Die Rooster ist ein schönes Retro-Ding mit Bigsby. http://hilkoguitars.com/

Nächste Station: Tonfuchs Guitars aus Karlsruhe. Uwe Schölch war früher bei Nik Huber tätig und hatte alle verfügbaren eigenen Modelle dabei. Über die Kopfplatten kann man mitunter streiten, die Gitarren sahen aber klasse aus und fühlten sich auch wunderbar an. http://www.tonfuchs.de/

Dann erstmal den Jubilar knuddeln: Nik Huber, frisch von der Show in Santa Barbara eingeflogen, stellte seinen ersten Bass namens Rietberger vor. Ansonsten feierte er am Abend zuvor das 20-jährige Bestehen seiner Firma. Im Rahmen dessen wurden wohl mit alten Wegbegleitern Gitarren getauscht: Ruokangas, Teuffel und Ritter haben nun ne Dolphin und Nik u.a. ne Birdfish.

Apropos Ritter: Als Clemens Huber (nicht verwandt!) mir nahelegte, beim Besuch seines Standes eine Sonnenbrille zu tragen wusste ich noch nicht was einen erwartet: der ebenfalls 20 Jahre am Markt befindliche Jens Ritter hat 3 Modelle am Start die komplett mit Svarowski Kristallen besetzt waren. Overkill!

Negrini Guitars aus der Schweiz zeigten auffällig lackierte Werkzeuge für Flitzefinger – schöne Decken, handgewickelte Pickups, Fanned Frets oder Temperament Fretting zeichnen die Gitarren von Giulio Negrini aus. Blickfang war Shen, „the beast“, eine zehnsaitige Headless-Gitarre mit selbst gewickelten Pickups. http://www.negriniguitars.com/

Generell gab es einige Headless-Gitarren zu sehen, scheint wieder im Kommen zu sein, nachdem die 80er Steinberger-Phase doch schon lange rum war. Reiver Guitars aus Schottland z.B. sah sehr nett aus. http://reiverguitars.co.uk/

Auch AC Guitars zeigte eine sehr schöne Headless; auf der Website ist leider nichts von ihr zu sehen. Hm.

Die gelochte Kopfplatte kündete es schon an: Frank Scheucher mit Zerberus Guitars kam als nächstes. Es gab mehrere Gitarren mit Steindecken zu sehen. Mutiges Konzept!

http://www.zerberus-guitars.com/

Ein ziemlicher Hammer war William „Grit“ Laskin aus Kanada mit seiner „This Machine“ Guitar – ein Tribut an Pete Seger. In der Gitarre stecken nicht nur 2 technische Innovationen die man oft in der Halle sah aber deren Entwicklung auf Laskins Konto gehen, nämlich die abgeschrägte Armauflage und das Soundloch in der oberen Zarge – vor allem die Einlegearbeit im Griffbrett war vom anderen Stern. Laskin trifft sich mit seinen Kunden, lässt sich deren Geschichte erzählen und packt diesen Zeitstrahl in ein großes Bild und dieses dann aufs Griffbrett. Preise: Basisversion ab 16.900 USD. Gemeinerweise klang das Ding auch noch hervorragend, also nicht nur was für die Glasvitrine. http://williamlaskin.com/

Mir richtig gut gefallen haben Soultool Guitars aus der Schweiz. Irgendwie klassisch und doch neu und eigen. Tolles Design mit innovativem „All Access“ Halsübergang, bei dem der Halsstock viel dicker als normal und die Halstasche entsprechend tiefer ist. Preise um die 3.500 Euro aufwärts.

https://soultool.com/

Nebenan die anderen Schweizer Aufsteiger: Relish Guitars. Erst 2013 gegründet, bereits 2014 auf der Messe angespielt haben die Jungs mittlerweile ihre Fangemeinde und haufenweise gute Kritiken. Preise: ca. 2000 für „Mary“ und 4.800 aufwärts für die Aluframe „Jane“. In den Gitarren steckt viel Innovation, ich mag sowas durchaus!

https://www.relishguitars.com/

Bei TMC Guitars brüllte der kleine Mann im Ohr: Auerswald!!  Das Modell mit dem Holzbogen zur Kopfplatte konnte seine Ahnen nur schwerlich verleugnen.

IHush Guitars aus Japan zeigten Paulas mit faszinierend aufwändigen Gravuren. Ob das auch praktisch ist wage ich zu bezweifeln, zum Anschauen war es allemal nett. Die Decke besteht soweit ich verstanden habe aus gehämmertem Aluminium!

Dreamer Guitars – die gezeigte Dreamer NewT ist leider noch nicht auf der Website zu finden, hatte mir aber ganz gut gefallen. Extra Feature: der Dent „Courtesy of Lufthansa“ J

http://dreamerguitars.com

Ein richtiger Bringer für mich waren die „Capricorn“ von t.man Guitars. Tolles Design, hoch customisierbar, alles in Absprache. Andreas Thiemann aus Bonn war auch früher mal bei Nik, daher kennen wir uns. Er baut nur was ihm selbst gefällt und das in sehr hoher Qualität. Ca 4.500 Euro sind nicht wenig aber durchaus ok für so ein Wunschinstrument.
http://www.tman-guitars.de

Christian Stoll, mit seiner Werkstatt hier quasi um die Ecke beheimatet, zeigte u.a. eine komplett aus heimischen Hölzern gefertigte Konzertgitarre. Dies war die sogenannte „Local Wood Challenge“ der HGGS in diesem Jahr. Beispielsweise hat er einen Baum aus dem Garten seines alten Hauses verwendet, die Einlagen mit Muscheln vom Nordsee-Urlaub. Klasse!

http://www.stollguitars.de/de/

Andreas Cuntz zeigte vor allem sein Gitarrenmodell CWG welches in diesem Jahr 20jähriges Jubiläum feiert. Das Modell habe ich ja auch seit 14 Jahren! Anlässlich dessen hat Andreas zwei besondere Gitarren mitgebracht: Eine CWG mit Boden und Zargen aus Ebenholz und eine mit Mastergrade-Koa-Korpus. Außerdem im Gepäck: 5 Ukulelen, die er zusammen mit seinem langjährigen Musikmesse-Nachbarn Joe Stiebel gebaut hat.

Besonders gefreut hat mich dass meine vor Jahren für ihn geknipsten Produktfotos bis heute in den Prospekten Verwendung finden 🙂

Am Stand von Tausch Guitars gab es eine der wohl spektakulärsten Decken der Show zu bewundern: Das Lemon Burst auf einer 665-Deluxe-Decke mit Urknall-Maserung war einfach der Hammer! Das Modell 665 Deluxe kommt mit Holzblock Tremolo, Locking Tuners, Häussel Pickups, ist gechambert und ist mit einem Gewicht von 3,2 kg auch noch sportiv leicht.

Mir hat allerdings die in geagetem Burst gehaltene 665 gefallen. Tolles Spielgefühl, trotz oder gerade wegen der langen Mensur.

Lieblingsfarbe: wenigstens bei O3 Guitars gab es ein Modell in türkis zu sehen 🙂

http://www.o3custom.com/en/guitarras/39-radon-rn-.html

Natürlich waren noch Dutzende weitere Firmen da, z.B. Gamble und Pagelli. Auch die Bass-Ecke war mit Marleaux, LeFay usw hochkarätig besetzt. Aber wie gesagt, ein persönlicher Rückblick mit den Sachen die mich so angesprungen haben.

Einen echten „Shut up and take my money!!“ Moment hatte ich nicht, aber durchaus eine Handvoll Favoriten die ich genauer beobachten werde:

An der HGGS nicht aufgefallen war mir PANUCCI (https://www.guitarlounge.nl/), Tom hat sich dort in der Zwischenzeit eine Paula bauen lassen und das machen sie überaus gut!

Noch ein paar weitere Eindrücke von der HGGS:

Der anschließende Besuch bei Just Music, einem riesigen 5-stöckigen Laden, war auch eher ernüchternd. Vermutlich haben wir einfach schon zu viel geiles Zeug daheim stehen als dass und bei aktueller Neuware anfingen zu sabbern… Zudem wird einem mittlerweile bei den Preisschildchen ganz anders und man fragt sich wer den ganzen Kram eigentlich noch kaufen soll. Denn sonderlich viele jugendliche Flitzefinger habe ich nicht entdecken können auf der Messe…

Rock on,
Marcus